Unsere Kolumne: Was ist Aufklärung?


Humanismusbewegungen

  1. Was ist Humanismus?
  2. Renaissance-Humanismus
  3. Sartres Existentialismus
  4. Christlicher Humanismus
  5. Egoismus und Altruismus
  6. Ein Blick über die Grenzen
  7. Was ist Aufklärung?
  8. Humanismus im 21. Jahrhundert

Was ist Aufklärung?

Der Begriff Aufklärung ist im Deutschen mehrdeutig. Im Folgenden ist nur die geistige Strömung gemeint, die sich in Europa im Laufe des 18. Jahrhunderts von Paris ausgehend bis in die Neue Welt ausbreitete. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant hat es in seinem berühmt gewordenen Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? von 1784 so formuliert:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! (eigtl.: Wage, weise zu sein) Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Damit beschreibt Kant Aufklärung eindeutig als eine aktive Tätigkeit, die jedem Menschen selbst obliegt und nicht durch andere an ihn herangetragen werden kann. Aufklärung braucht keine Welterklärung durch Autoritäten wie Staat oder Kirche, sondern die Freiheit und den Mut, durch eigene Gedanken Zustände und Strömungen in seiner Umgebung zu beurteilen und zu kritisieren.

Daraus ergibt sich aber zwangsläufig, dass Freiheit nicht durch Aufklärung entsteht, sondern dass sie die Voraussetzung für Aufklärung ist, weil ein in äußeren Zwängen gefangener Mensch überhaupt nicht in der Lage ist, seine Gedanken frei zu formulieren. Kant hat sich in seinem Aufsatz speziell auf die Einschränkung des freien Denkens durch die Kirchen bezogen:

„Ich habe den Hauptpunkt der Aufklärung, d.i. des Ausgangs der Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit, vorzüglich in Religionssachen gesetzt: weil in Ansehung der Künste und Wissenschaften unsere Beherrscher kein Interesse haben, den Vormund über ihre Untertanen zu spielen; überdem auch jene Unmündigkeit, so wie die schädlichste, also auch die entehrendste unter allen ist.“

Warum aber bleiben Menschen in ihrer – wie Kant völlig richtig konstatiert – selbstverschuldeten Unmündigkeit? Aufklärung bedeutet Mühe (Kant nennt als Ursachen der Unmündigkeit Faulheit und Feigheit), es gilt, die Angst vor Fehlern, Schwäche und Kritik durch andere, aber auch Verlustängste oder die Angst vor dem Verlust scheinbarer Sicherheit zu überwinden. Das ist leichter gesagt als getan. Epikur hatte das schon über 2000 Jahre vor ihm erkannt und versucht, die Menschen durch die Auflösung dieser Ängste zu befreien. Wir müssen immer wieder von neuem versuchen, dieses Ziel zu erreichen.

Auf die abschließend gestellte Frage: „Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter?“ lautete Kants Antwort: „Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung“.

Das ist nach 234 Jahren leider immer noch so.

Karl-Heinz Büchner, 30. November 2018
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